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Drei Wochen in Ex-Jugoslawien
Christina:
An diese rutschigen Wege kann ich mich nur zu gut von unseren Wanderungen in der Provence letztes Jahr erinnern, einfach scheußlich! Aber die Aussicht von der Burg war wenigstens super. Und der Rest des Tages sehr interessant. Dass dort noch Einschusslöcher zu sehen sind und noch Ruinen stehen, ist wirklich bedrückend, aber die Altstadt und auch euer Hotel waren dafür umso schöner. Na ja, die Chinesen hätte es nicht gebraucht - ist mir wirklich ein Rätsel nach welchen Kriterien die ihre Ziele in Europa aussuchen.
Viel Glück bei deiner beruflichen Neuorientierung, wir laufen nicht weg und freuen uns auch noch später über die Fortsetzung deines Reiseberichts (also ich zumindest :)) - lass dich nicht stressen.
Paula:
--- Zitat von: Christina am 12. November 2018, 20:02:39 ---
Viel Glück bei deiner beruflichen Neuorientierung, wir laufen nicht weg und freuen uns auch noch später über die Fortsetzung deines Reiseberichts (also ich zumindest :)) - lass dich nicht stressen.
--- Ende Zitat ---
nachdem wir 2 Tage im Büro routiert sind haben wir die meisten Fehler behoben. Jedenfalls in meinem Bereich. Allerdings klappt die Anmeldung von zuhause nicht, der VPN Tunnel funzt nicht und ich mache Mittwochs immer Homeoffice. Wenn ich nicht arbeiten kann schreibe ich jetzt eben am Reisebericht weiter ;D
Paula:
12. Tag 30. Mai 2018
Heute Nacht bin ich auf die Couch ausgewandert, das Bett war irgendwie zu klein für zwei. Ich war auch morgens früh wach, habe mir mit dem Tauchsieder einen Kaffee gemacht und am iPad Zeitung gelesen. Um 8 Uhr sind wir dann zum Frühstück gegangen.
Es gab dünne Omelettes mit Käse gefüllt und Brotteilchen aus Blätterteig mit Spinat und Käse gefüllt wie man sie vom Türken kennt. Der Kaffee war sehr stark und nur mit Milch genießbar, dazu habe ich meine mitgebrachten Haferflocken mit Milch und Banane gegessen, für unterwegs nahmen wir zwei Äpfel mit.
Nach dem Frühstück haben wir ausgecheckt und diesmal in bar bezahlt: 75 €. Euroscheine werden gern genommen. Wir haben uns genau erklären lassen wie wir zur Schnellstraße kommen ohne nochmal durch die chaotische Altstadt fahren zu müssen, zum Glück fährt die Straße vom Hotel aus nach Norden in die richtige Richtung. Heute wollten wir nach Sarajewo fahren mit einem Zwischenstopp im Ort Konjic wo wir Titos Atombunker besichtigen wollten. Josef hatte für 12 Uhr online in der dortigen Touriinfo eine Tour gebucht.
Die Straße führt meist am Fluß entlang durch eine sehr schöne gebirgige Landschaft. Um halb 11 kamen wir in Konjic an und fanden zum Glück noch einen Parkplatz vor der Touriinfo, Parkplätze waren echte Mangelware im Ort. Wir haben 20 € für uns beide für die gebuchte Tour bezahlt und weil wir noch eine Stunde Zeit hatten haben wir uns einen Stadtplan geben lassen und sind ein Stück durch den Ort spaziert.
Blick in die andere Richtung
Neben der Brücke war ein Café dort haben wir uns niedergelassen und einen Cappucino getrunken.
Neben dem Café war eine kleine Moschee und ein Friedhof. Am Friedhof war ein Schild angebracht dass hier 102 Märtyrer begraben liegen die den Ort im Jugoslawienkrieg verteidigt haben und gefallen sind.
Kriegsschäden konnten wir auf dem Rückweg zur Touriinfo auch gesehen
ganz in der Nähe der Moschee stand diese Kirche. In der Touriinfo hat man uns erzählt dass es Streit gibt wie hoch der Turm der Moschee gebaut werden darf, er soll nicht höher werden als der Kirchturm, daher wurde er aus Protest noch nicht wieder aufgebaut. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgrupen ist nicht gut. Ähnliches hatte uns die Frau im Hotel in Mostar auch erzählt.
Um zwanzig vor zwölf waren wir wie besprochen an der Touriinfo zurück. Dort trafen wir unseren Guide, er erklärte uns dass wir seinem Wagen folgen sollen, wir würden unterwegs noch an einem Café halten wo weitere Touristen zur Tour hinzustoßen. Dort sammelten wir zwei Australierinnen ein und weiter ging es 5 km durch die Pampa. Wir fuhren in ein Militärgelände mit einer Wache am Eingang. Unser Guide zeigte irgendwelche Papiere vor, dann durften wir passieren. So ohne weiteres kommt man hier nicht rein. An einem unscheinbaren Haus, das der versteckte Eingang zum Bunker war, hielten wir an. Am Eingang weht die Flagge von Bosnien-Herzegowina (Tito's Bunker - ARC D-0, Hadžića polje, Polje Bijela 88400, Bosnien und Herzegowina)
Am Eingang wurden wir von einer jungen Frau abgeholt die uns durch den Bunker führen würde.
Während der Tour hat sie einiges über die Bunkeranlage erzählt: Tito hat die West- und Ostmächte geschickt gegeneinander ausgespielt und sich diesen Bunker von den Amerikanern bezahlen lassen. Das war der Bunker im dem Tito, seine Frau (seine Kinder waren nicht geplant) und die Führer der 6 Provinzen im Fall eines Atomkriegs sechs Monate hätten überleben sollen. Der Bunker wurde 1979 fertiggestellt - ein Jahr vor Titos Tod- nach 26 Jahren Bauzeit. Die Bauarbeiter wurden immer nur für ein paaar Monate engagiert und hatten keine Ahnung was sie da bauen und mußten auch eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen. Die Führerin hat uns erzählt dass kürzlich ein alter Mann bei der Führung war der in jungen Jahren an der Wasserversorgung gearbeitet hatte. Er wußte damals wirklich nicht dass es sich um einen Bunker handelte.
Der Bunker wurde hier gebaut weil man ihn in den Berg bohren konnte, man mußte nicht nach unten graben und war trotzdem 300 Meter unter der Erde und damit bei einem Angriff mit Atombomben gut geschützt. Ein weiterer Grund warum man diesen Ort ausgewählt hatte ist der Fluß der hier fließt und äußerst sauberes Wasser führt das als Trinkwasser für die Anlage genutzt wurde.
Der Bunker wurde noch einige Zeit von der Armee Bosnien-Herzegowinas genutzt und dann aufgegeben. Heute gehört er der Stadt und wird als Ausstellungsort genutzt. Überall im Bunker stehen und hängen Kunstwerke. Man kann den Bunker aber nur im Rahmen einer Führung besichtigen, ohne Guide würde man sich total verlaufen, die Anlage ist riesig und hat mehrere Etagen. Unser Guide erzählte uns dass sie lange gebraucht hat bis sie sich nicht mehr verlaufen hat.
hier geht unser Guide vor uns her
schon etwas unheimlich
ein Lageplan des Bunkers
die Gänge waren teils sehr schmal
es gab natürlich auch alle möglichen technischen Anlagen zu Strom- und Wasserversorgung, Luftfilter etc,
und dazwischen dann die Kunstwerke. Sie hatten meist mit Krieg, Angst, Folter zu tun, paßten also zur bedrückenden Atmosphäre der Umgebung
besonders gelungen fand ich dieses Kunstwerk. Von einer bestimmten Stelle aus betrachtet bildet es den sozialistischen Bruderstern
von allen anderen Stellen aus betrachtet zeigen die Patronen gegeneinander. Auf dem Foto sieht man es nicht so gut aber in der Realität war der Effekt verblüffend.
Das hier waren Dieseltanks für den Stromgenerator
die Kommunikationszentrale (im benachbarten Ort gab es damals überhaupt noch keine Telefonanschlüsse!)
Chiffrier- und Dechiffriermaschinen, die Geräte stammen alle von Siemens
und weiter gehts durch die Anlage
wieder Kunst
das hier war die Belüftungs-und Luftfilteranlage
Vorräte aller Art waren angelegt
ein Versammlungsraum
Kunst in einem Besprechungsraum
dann der Trakt mit den Wohnräumen, alles noch original in Plastik verpackt. Es ist nicht bekannt ob Tito den Bunker jemals besucht hat.
im Bild unser Guide
hier noch mal ein interessantes Kunstwerk, das Wort fear aus kleinen Papierpropellern die von einem Luftstrom angebliesen wurden und sich teilweise drehten (der Wind steht für die Politik deren Ziel es ist den Menschen Angst zu machen um sie so unter Kontrolle zu halten)
Wir fanden die Führung sehr interessant, man muss sich mal vorstellen welche Unsummen diese Anlage verschlungen hat - für nichts und wieder nichts - und wieviele Schulen oder Krankenhäuser man mit dem Geld hätte bauen können...
Ich weiß gar nicht mehr wie lange wir im Bunker waren. Draußen haben wir uns noch ein bisschen mit den beiden Australierinnen unterhalten. Sie waren sehr interessiert an Geschichte und auch mit dem Auto durch Jugoslawien unterwegs.
Danach fuhren wir nach Sarajewo, die Strecke über die Landstrasse war ausgeschildert, das Navi wollte auf die Autobahn aber ich bin lieber nach Schildern gefahren. An jedem Ort wo wir vorbeikamen gab es mindestens eine Tankstelle, jetzt ist mir umsomehr aufgefallen wie wenig Tankstellen wir in Kroatien gesehen haben. Die Landschaft war weiter grün und bergig jetzt aber ohne Fluß nebendran. Die letzten 10 km führten auf einer dreispurigen Straße nach Sarajewo rein, durch die üblich häßlichen Industrie- und Handels- und Bürogebäude, viele hohe Plattenbauten als Wohnhäuser -ziemlich häßlich und vereinzelt mit Einschußlöchern- und alle paar Meter eine rote Ampel. Es zog sich hin. Erst im letzten Kilometer kamen wir in die Altstadt und natürlich musste genau in der letzten Viertelstunde der Fahrt ein Gewitter losbrechen :hammer:
Vor dem Hotel konnte man nicht halten aber kurz darüber war ein kostenpflichtiger Parkplatz. Bei 2 Mark die Stunde hat es mich nicht gewundert dass noch ein paar Plätze frei waren. Beim Einchecken erfuhren wir das das Hotel eigene kostenlose Parkplätze hat, das war bei booking.com gar nicht angegeben. Da fuhren wir unser Auto natürlich gern bin (das wurde dort auch noch mit einer Wegfahrsperre gesichert), es blieb also bei 2 Mark für die angefangene Stunde.
Im Regen luden wir das Auto aus. Wir bekamen ein schönes, großes, historisch eingerichtetes Zimmer leider im Erdgeschoß mit Blick auf die Straße.
Auf dem Tisch stand ein landestypischer Begrüßungsdrunk: süß, alkoholfrei und mit Weihnachtsgewürzen (Nelke und Zimt)
Das Hotel beinhaltet auch ein Hamam das für die Hotelgäste kostenlos ist. Allerdings ist das Bad nach Geschlechtern getrennt: morgens für Männer, nachmittags für Frauen, das war natürlich nix für uns.
Wir kochten Kaffee und machten eine Pause, draußen regnete es weiter >:(, ich habe derweil ein paar Sachen gewaschen. Ich war total müde weil ich nachts nicht so gut geschlafen habe und hatte bei dem Regen auch keine Lust rauszugehen und habe mich aufs Bett gelegt. Josef hat schon mal eine Tour durch die Altstadt gemacht. Um 19 Uhr kam er zurück und wir gingen in die Altstadt die war nur ein paar Meter weg auf der anderen Seite des Flusses.
Wir gingen über die Brücke auf der Prinz Ferdinand erschossen wurde, ein unscheinbares Eck (morgen gibts dazu Fotos, da war das Wetter wieder besser). Josef hatte auf seiner Tour ein Restaurant mit einem Innenhof entdeckt das ihm gut gefallen hat. Am nächsten Tag bei der Stadtführung haben wir erfahren dass das eins der wichtigsten historischen Gebäude ist: eine ehemalige Karawanserei aus dem 16. Jahrhundert in der man kostenlos übernachten, essen und seine Tiere unterstellen konnte, das war Teil der islamischen Kultur, es gab einen reichen osmanischen Herrscher der das finanziert hat.
Wir suchten uns einen Tisch im Innenhof mit Blick auf einen Teppischhandel, es wirkte wirklich orientalisch hier. Man erklärte uns dann dass es hier keinen Alkohol gibt und weil Ramadan war gab es spezielle Menüs statt der üblichen Speisekarte, also haben wir so ein Menü bestellt.
Es gab eine selbstgemachte Limonade, Käse mit Brot (eher eine Art Quark), dann eine Gemüsesuppe mit Hühnchen und dann das Hauptgericht: Fleisch in einer roten Soße mit viel Öl, Paprika und Pilzen
geschmacklich ganz okay ist aber nix herausragendes. Zum Nachtisch bekam ich eine Art Bratapfel, das ganze kostete 28 Mark, Josef hatte das gleiche nur mit Baklava als Nachspeise.
Während wir zu essen begannen als serviert wurde haben die Leute an den Nachbartischen drauf gewartet dass der Muezzin den Ramadan abkündigt. Ein Paar am Nachbartisch in unserem Alter sah "ganz normal" aus und wartete aber auch auf den Startschuss (dazu scheint es eine Handyapp zu geben dann alle haben ständig auf ihr Handy geschaut) sonst fielen viele Frauen mit Kopftuch auf, vor allem viele junge Frauen, auch später als wir durch die Gassen gingen. Außerdem hörte man im Hof die ganze Zeit einen Muezzin über Lautsprecher, Musik wäre mir ja lieber gewesen, etwas seltsam fand ich es schon dort. Am nächsten Tag hat unser Guide erzählt dass es zu anderen Zeiten nicht so üblich ist ein Kopftuch zu tragen, da viele Frauen aber im Ramadan nach dem Essen in die Moschee gehen kommen sie schon passend gekleidet. In Mostar gestern haben wir das nicht gesehen aber da waren wir auch eher in einem touristischen Lokal.
Beim anschließenden Bummel durch die Innenstadt haben wir doch tatsächlich die beiden Australierinnen wieder getroffen, die Welt ist manchmal doch klein. In einem Konzum kauften wir noch einen örtlichen Rotwein, er schmeckte so einfach wie der Hauswein in Mostar, bosnisch herzegowinischer Wein ist wohl nix. Deutsche Haferflocken habe ich auch erstanden. Den Wein gabs dann als Schlummertrunk im Hotel. Am späten Abend hatte es zu regnen aufgehört und für den morgigen Tag war zumindest vormittags gutes Wetter angekündigt.
Unterkunft: İsa Begov Hamam Hotel in Sarajewo, 226 € für 2 Nächte incl. Tourismusabgabe, gebucht bei booking.com
die heutige Route:
Ilona:
Das war ein sehr geschichtsträchtiger und orientalischer Tag :thumb:.
Gut, dass das Bad im historischen Hotel modernisiert war.
Das Reisen während dem Ramadan ist natürlich immer mit gewissen Einschränkungen verbunden.
Andrea:
Die Preise für eure Unterkünfte sind ja doch schon recht ordentlich. War da immer Frühstück inklusive?
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