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25 Jahre später... Eine Reise hinter die Mauer im Kopf - Polen 2014

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Birgit:
Andrea, ich habe selten genug Möglichkeit meine Begeisterung für jemanden oder etwas zu verkünden, daher habe ich beschlossen, es bei schönen Reiseländern unverhohlen zu tun ;)

Nadine, fast vergessen: Nach Brügge hast du mit dem Auto drei Stunden, nach Krakau 3 Stunden mit dem Flieger ;) Fahr nach Brügge und schreibe einen Reisebericht, die Stadt fand ich auch traumhaft, wirklich fast wie Venedig, nur irgendwie kuscheliger. Ich war dort, als Brügge Kulturhauptstadt war, also vielleicht 2002 oder so? Und dann noch einmal als Abstecher von Brüssel aus vor 7 Jahren. Iss viele Pralinen, die sind dort einfach göttlich!

Birgit:
DI, 10.6.2014: Salzbergwerk Wieliczka und Krakau

Ich breche auf zur etwa halbstündigen Fahrt zum Salzbergwerk in Wieliczka. Es wird in jedem Reiseführer und auf etlichen Internetseiten als ein absolutes Highlight Krakaus vorgestellt, und die Bilder der unterirdischen Kirche faszinieren mich schon.

Der Ort ist schnell gefunden, und hier tobt der Bär. Besichtigung geht nur mit Führung, die nächste in englischer Sprache startet in einer guten halben Stunde. Na ja, klar, dass man durch ein Bergwerk nicht auf eigene Faust spazieren darf. Angeblich verläuft man sich hier sehr schnell in den 250 km unterirdischer Gänge.

Das Bergwerk wird für Heilbehandlungen der Atemwege benutzt, und außer der allgemeinen Touristentour gibt es noch eine Art Abenteuertour, bei der man sich selbst als Bergmann ausprobieren kann.

Die Zeit reicht gerade noch um mich im netten Kurort Wieliczka nach einer Kleinigkeit zu essen umzusehen, denn wie immer habe ich nicht gefrühstückt. in einem Land, in dem es eine komplette große Mahlzeit ab etwa 5 Euro gibt, muss ich nicht das Dreifache für ein Frühstück im Hotel ausgeben.

Ein Hefeteilchen und ein Trinkjoghurt aus einem "Delikatessenladen", der aussieht, als sei er seit mindestens den 70er Jahren bereits ein Intershop gewesen (gab es so etwas eigentlich in Polen?) lasse ich als ausreichendes Frühstück durchgehen.



 

Dann wird es Zeit sich bei schon etwa 30 Grad in die Schlange zu stellen.



Es geht los, zunächst 60 Meter zu Fuß in die Tiefe, wohltuend ohne die vielen aus USA-Urlauben gewohnten Instruktionen, dass man Wasser und eine Jacke mitnehmen soll, die nächste Toilette erst nach einer Stunde erreichbar ist, dass es steil oder rutschig sein könnte, wie man sich bei einem Panikanfall verhalten sollte und dass man selbst schuld ist, wenn man stirbt etc.

Lediglich eine beunruhigende Nachricht hält man für die geneigte Gästeschar bereit: Der Rundgang wird 3 oder 3,5 Stunden dauern. Schluck! Zum Glück habe ich Kekse aus dem Delikatessenladen und einen halben Liter Wasser dabei. Ich male mir aus, wie der Weg durch die Stollen von verendeten Touristen gesäumt ist, die es nicht mehr bis zum Ausgang geschafft haben und an Hunger verstorben sind. Und eine gute Nachricht gibt es: Der Kreislauf wird bei 14 bis 16 Grad von der Sommerhitze entlastet werden. Ich greife prophylaktisch nach meiner Strickjacke.

Eine endlos scheinende Wanderung beginnt, die eigentlich nur 2,5 km lang ist - noch ein Stollen und noch 'ne Treppe. Immer wieder bleiben wir stehen, entweder weil die Kindergartenkinder in der Gruppe vor uns ihre Erklärungen noch nicht bekommen haben oder weil wir nun dran sind damit erklärt zu bekommen, dass auch Kopernikus vor über 500 Jahren schon hier war.

Und übrigens: Goethe war auch schon hier, allerdings erst ein paar Jahre nach Kopernikus.



 

Die unterirdische Kirche ist wirklich beeindruckend. Alles hier ist aus Salz gemacht, vom Boden, der wie gefliest aussieht, bis zum Kronleuchter. Außerdem bietet man dem Gast hier eine nachgemachte Methangas-Explosion, den üblichen unterirdischen Salzsee bei Musik von Chopin und eine ziemlich abgefahrene Lightshow.









   

Ich schaue heimlich immer wieder auf die Uhr. Langatmigkeit ist immer noch nicht mein Ding. Und zwischen Leuten gefangen zu sein ohne weg zu können auch nicht. Ich sollte es doch endlich mal gelernt haben, dass Bergwerke und Höhlen sowieso generell nicht mein Ding sind. Kennst du eine, kennst du alle, zumindest da, wo es so nett aufbereitet ist, dass der geringste Hauch von Abenteuer fehlt. So denke ich zumindest, während der gerade in den Medien aktuelle "Höhlenforscher" immer noch nicht weiß, ob und wann er aus der weniger nett aufbereiteten Riesending-Höhle gerettet werden kann.

Nach "schon" zwei Stunden ist die Führung beendet, und weitere 5 Minuten braucht die nette junge Dame bis sie den Weg zum Ausgang erklärt hat. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich schon raus bin aus der Nummer, denn bis ich beim Aufzug bin (ja, hoch kann man fahren) und der Aufzug mich ans Tageslicht befördert hat, vergeht noch eine weitere halbe Stunde des Rumstehens zwischen irgendwelchen Leuten.

Beim Verlassen des Parkplatzes weist mich der Parkwächter darauf hin, dass man in Polen auch bei Tag mit Licht fahren muss. Hm, das hätte ich eigentlich wissen oder aber bemerken können.

Etwas genervt fahre ich zurück nach Krakau. Den im Reiseführer angepriesenen Aussichtspunkt finde ich nicht und bin noch genervter.

Ich mache mich auf ins Hotel, aber eigentlich nur um das Auto abzustellen, schnappe mir Idefix und auf geht es in die Stadt. Zwar habe ich keine Lust auf Museum, aber ein bisschen herumsitzen und bei einem Salat und einem kalten Cola Leute gucken, das ist perfekt.

Der Himmel wird immer dunkler und bedrohlicher, und als die ersten Tropfen fallen, bin ich so gerade rechtzeitig in der Galeria Krakow. Bei einer Cinnamon Roll ist Krakau aber selbst bei einem Wolkenbruch schön. Zu kaufen gibt es hier vieles, aber nichts Besonderes, was es nicht auch in Deutschland gäbe. Und so breche ich wieder auf, als ich bemerke, dass der Himmel sich wieder aufgehellt hat und der eine oder andere Sonnenstrahl durch das gläserne Dach der Mall dringt.



Nun nehme ich noch einmal den Besuch des Kopiec kosciuszki in Angriff gemeinsam mit Idefix. Es geht erst durch eine einfache, dann durch eine hübsche Wohngegend, dann einen netten, aber leider steilen Weg am Hang hoch. Idefix muss geschoben werden, hier kann man nicht rollern, das ist bergauf zu anstrengend. Idefix flirtet immer wieder mit netten Polen, die ihn offenbar loben. Leider verstehen wir kein Wort und können nur nett zurücklächeln.

Der Ausblick reicht weit in die Ferne, aber wie immer bei solchen Ausblicken ist auch dieser eigentlich nicht fotografierenswert.





 

Zurück nehme ich eine andere Strecke, es geht einen recht steilen Pfad runter. Obwohl Idefix als "Kostka Hill cross" eigentlich fürs Downhillfahren gemacht ist, überlasse ich das den Mountainbikern, die hier unterwegs sind und steige erst wieder auf, als es über einen breiten und glatten Radweg entlang des Blonia weiter geht, eine riesige Wiese, die von Skatern, Läufern, Radfahrern, Idefix und mir umrundet wird.



Ich habe noch keine Lust auf Hotel und setze mich auf zwei Cocktails und ein paar Piroggen in eine der vielen Kneipen am Rynek, wo eine Band Livemusik macht. Dank des auch hier freien WIFI habe ich genug Unterhaltung, kann für morgen planen und ein paar Fotos hochladen, so halte ich es hier lange aus.

Zum Abschied gibt es noch ein paar Nachtbilder einer wirklich schönen Stadt mit Flair.







Susan:
Hi,

ich kann den anderen nur zustimmen - an Orten wie Auschwitz wirkt so friedliches Grün und heiterer Sonnenschein irgendwie unpassend. Aber vielleicht bringt es einem so umso mehr zum Nachdenken?

Ich stimme dir zu, so poliert hat das Bergwerk gar wenig abenteuerliches  8) Hast du denn wenigstens positive Auswirkungenin deinen Atemwegen gespürt?  ;)

Ansonsten gefallen mir die Orte so weit sehr - vielleicht fassen wir auch bald mal eine Tour nach Polen ins Auge. Dazu müsste ich noch recherchieren, wie das wohl mit dem WoMo zu machen ist.

Birgit:

--- Zitat ---Ansonsten gefallen mir die Orte so weit sehr - vielleicht fassen wir auch bald mal eine Tour nach Polen ins Auge. Dazu müsste ich noch recherchieren, wie das wohl mit dem WoMo zu machen ist.
--- Ende Zitat ---

Susan, wir fahren ja bald weiter in den Norden, in die Masuren und an die Ostsee. Dort im ländlichen Gebiet ist es mit Sicherheit gut machbar. Und es wäre doch gelacht, wenn sich nicht auch in oder bei Städten ein Plätzchen für euch findet. Was ich echt empfehlen kann, ist Fahrräder (oder eben Idefixe o. ä.) mitzunehmen, dann darf es ja vielleicht auch ein bisschen außerhalb sein.

Birgit:
MI, 11.6.2014: Zwischenstopp in Warschau

Heute mache ich mich auf in Richtung Norden. Ich habe mich so ziemlich auf spätes Schlafen eingependelt und werde heute nur höchst unfreiwillig und mit Wecker wach.

Ich halte mich aber ran und bin trotzdem gegen 9 Uhr auf der Strecke nach Warschau. Irgendwann noch im Stadtgebiet Krakaus empfiehlt die Navi mir für 182 km oder so geradeaus zu fahren. Au weia. Ich korrigiere meine interne Ankunftszeit und beschließe, diese von 13 Uhr auf etwa 17 Uhr zu verschieben.

Indische Fahrweise ist hier stellenweise angesagt. So gelassen und höflich die Männer hier auch normalerweise sind, so sehr üben sie das Recht des Stärkeren aus, wenn man ihnen nur eine Karre gibt, die groß genug ist. So ist mir schon auf der Fahrt nach Breslau jemand aufgefallen, der auf der Autobahn so dicht hinter mir war, als würde er gerade einparken. Und hier ohne Linksabbiegerspuren, mit Traktoren auf der Straße, streckenweise sehr schlechter ausgefahrener Straße und nur raren Überholspuren, ist das vielleicht sogar angesagt, wenn man einigermaßen vorwärts kommen will.

Es geht durch liebliche wellige Landschaften mit viel rotem Mohn auf den Feldern und auch gelben, weißen und blauen Farbtupfern zwischendurch im satten Grün, so weit das Auge reicht.

Auf halber Strecke wird es landschaftlich weniger ansehnlich, dafür wird die Straße besser, sodass ich fast pünktlich, wie von der Navi vorhergesagt, doch nach gut vier Stunden die knapp 300 Kilometer hinter mich gebracht habe. Die Parkplatzssuche gestaltet sich mühsam, dieses Hotel hat keinen Parkplatz, aber ich finde relativ schnell eine Parklücke und kann den Automaten auch gleich mit Geld bis morgen zur Abfahrt füttern.

Die DaSilva Apartments liegen zentral in der Nähe des Kulturpalastes, sind aber bei weitem nicht so schön wie das Galaxy in Krakau, dafür aber teurer.

Nun aber fix in die Stadt, ich habe hier schließlich nur den einen Nachmittag. Idefix braucht auch noch seinen heutigen Auslauf...

Während Krakau sich klassisch gibt und viel "gute alte Zeit" und Mahnmal an die schlechten Zeiten vermittelt, präsentiert sich Warschau modern und aufstrebend. Es bleibt der Stadt auch nicht viel Anderes übrig, denn auch in der Innenstadt sind noch etliche sozialistische Relikte vorhanden, die vor der Wende für "Hauptstadtatmosphäre" sorgten und nicht gerade mit Beschaulichkeit assoziiert werden. Es gibt aber auch sehr moderne neue Gebäude, und das Alte ist wieder aufgebaut in der Altstadt, denn Warschau ist im Krieg sehr stark zerstört worden. Die Gegend um den Kulturpalast erinnert von der Atmosphäre her ein wenig an Chemnitz.



Über die belebte Nowy Swiat rollere ich in die Altstadt. Hier sind viele Lädchen, Kneipen, alles frisch und modern anzusehen. Und auch hier gibt es wieder Kopernikus.

Warschau gibt sich wirklich Mühe, an allen möglichen Ecken sind Ausstellungen zur Stadtgeschichte, und auch hier gibt es freies WIFI in der Stadt.







   

Aus Zeitgründen entscheide ich mich gegen jede Innenbesichtigung und sehe mir nur ein bisschen den Palast, den Stare Miasto und Nowe Miasto an, die Seejungfrau, das Wahrzeichen der Stadt. Komisch, was hat die denn hier verloren, hier ist doch weit und breit kein Meer?



 



 

Ich rollere weiter in das Viertel, in dem früher das Ghetto war. Alt ist hier gar nichts mehr, bzw. ist das, was nach dem Krieg hier aufgebaut wurde, nun auch schon wieder altmodisch. Das Viertel ist gesichtslos. Dennoch erinnern einige Stellen an die Geschichte dieses Stadtteils: Das neue Museum zur Geschichte der polnischen Juden, direkt daneben die Gedenktafel für den Kniefall Willy Brandts und das Denkmal am Umschlagplatz, von dem aus die Juden der Stadt nach Treblinka verbracht wurden.





   

Es geht wieder zurück. Mir ist flau und ich bin müde. Ich habe heute im Grunde noch keine richtige Mahlzeit gehabt und außerdem wohl bei den immer noch ziemlich heißen Temperaturen zu wenig getrunken. Ich kann heute irgendwie keine Piroggen und kein Fleisch sehen und entscheide mich für einen Italiener, der einen Spinatsalat mit Gorgonzola, Walnuss und Birne für mich hat und etwas fade Spaghetti mit Meeresfrüchten und viel Coke zero.

Mit frischer Kraft rollere ich auf die andere Seite der Weichsel, hier soll ein Viertel im Kommen sein, das ich noch kurz ansehen will.

Zuerst komme ich an der wirklich sehr fantasievoll und toll gemachten Unibibliothek vorbei, die ich erst für das Kopernikusmuseum halte, das ich noch zumindest von außen ablichten will. Die Unibibliothek in der ungewöhnlich angelegten Grünanlage gewinnt ganz eindeutig gegen das Museum, das so innovativ und toll sein soll.



 



Aber die Ecke, die so angesagt sein soll, verbirgt sich wieder mal geschickt vor mir. Hier ist es nun wirklich eher wie Marzahn light, und hier scheint viel getrunken zu werden. Dafür sehe ich auf einem nach Lenin benannten Platz ohne Ausgang das Pendant zum Chemnitzer "Nischel" und bin beruhigt ob so viel vom Eindruck her Vertrautem. Also alles passt zusammen.



Entgegen aller Unkerei gefällt es mir in Warschau gut, die Stadt strahlt Innovation und Moderne aus. Die ganz alte Zeit, der Sozialismus und die Moderne prägen das Stadtbild. Aber so ist es bei einem Menschen ja auch und macht dessen Unverwechselbarkeit aus, nämlich dass man ihm ansieht, dass er schon viel erlebt hat. Allerdings muss man schon ein wenig ein Faible haben für das Erbe der Zeit von 1945 bis 1989.

Ich bin immer noch KO und entscheide mich für das Hotelzimmer, den Reisebericht und das Sichten der Fotos. Für heute habe ich genug erlebt, und morgen geht es ja schon weiter.

Der Fernseher läuft nicht mehr lange. Übrigens gibt es hier in jedem Hotel bisher mindestens einen deutschen Sender, und wenn es "nur" der KIKA ist. Hier allerdings haben ZDF und 3SAT leider nur den Ton, nicht aber das Bild. Ich stelle also  um auf einen polnischen Sender. Sehr merkwürdig, amerikanische Spielfilme laufen im Original, aber ein männlicher Sprecher übersetzt wie ein Simultandolmetscher jeden Satz, völlig emotionslos. Dabei geht viel der Atmosphäre der Filme verloren. Ich glaube, dann hätte ich doch lieber das Original mit Untertiteln.

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