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25 Jahre später... Eine Reise hinter die Mauer im Kopf - Polen 2014

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Birgit:
SO, 15.6.2014: Solidarnosz und nach Zoppot

Reisen schlaucht, und wie ich feststellen muss, ist ein Roadtrip nicht nur in den USA anstrengend, sondern auch in Europa. ich stelle mir den Wecker nicht, schließlich will ich heute nur noch ein bisschen Danzig ansehen und dann nur die halbe Stunde nach Zoppot fahren. Mich drängt nichts, denn sollte ich heute in Danzig etwas verpassen, kann ich ja in den nächsten Tagen nochmals wieder kommen.

Als ich nach fast 9 Stunden Schlaf aufwache, scheint die Sonne vom Himmel. Ich beschließe nochmals in die Stadt zu rollern und Danzigs Innenstadt eine Chance zu geben. Gestern war die Stadt eben eine von vielen mit bunten Häusern, aber leider in sehr ungemütlicher Atmosphäre. Und siehe da, Danzig wirkt in der strahlenden Sonne deutlich freundlicher als gestern. Ich rollere nochmals etwa den gleichen Weg ab und schieße "Vergleichsfotos".








 
Dann sitze ich in der prallen Sonne in einem Café am Wasser und frühstücke sehr lecker.

Was mir von Danzig noch fehlt, ist das Danzig, das die Solidarnosz geprägt hat. Damals 1980 war halt immer mal ein Typ mit merkwürdigem Bart im Fernsehen, bei dem die Nachrichtensprecher sich offenbar lange Zeit nicht sicher waren, wie dessen Name ausgesprochen wird, Lech Walesa. Er hat hier gewirkt. Und aus diesem Grunde gibt es eine hochinteressante Ausstellung, in der man einen kurzen Einblick bekommt in das Leben mit dem Kommunismus. Die Eintrittskarte besteht aus Bezugsmarken. Man kann dann super aufbereitete Filmdokumente verfolgen mit Gegenständen aus der jeweiligen Zeit, in der der Weg des bröckelnden Kommunismus eindrucksvoll beschrieben wird.



 

Eigentlich hätte ich es wissen müssen, aber bis heute war mir nicht so ausdrücklich bewusst, dass Polen das erste Land war, in dem der Kommunismus beendet und eine Republik gegründet wurde- und das Land ist mit Recht stolz darauf.

Man kann sich hier schon so eine gute Stunde aufhalten und dann noch ein paar Schritte weiter gehen bis zum Denkmal für die Solidarnosz und dem Museum, das dort errichtet wird, wo der Widerstand begann, das ist die ehemalige Leninwerft. Leider wird dieses Museum - oder besser gesagt, Begegnungsstätte, erst Ende August eröffnet, aber ich bin trotzdem beeindruckt.









   

Es ist wieder mal ein Ort in Polen, in dem europäische Zeitgeschichte erlebbar und lebendig wird. In Krakau war es der Holocaust, Warschau habe ich viele Jahre lang verbunden mit trockenen Berichten in den Nachrichten von "hinter dem eisernen Vorhang" in den 80ern, dass beispielsweise ein Herr namens Jaruzelski das Kriegsrecht ausgerufen habe, hier in Danzig kann ich erfahren, wie diese Phase ihr Ende nahm. Eine runde Sache, wie ich finde, und Puzzleteilchen, die für mich Geschichtsunterricht waren, oder die schon Geschichte sind, obwohl sie zu der Zeit, als ich zur Schule ging und noch Geschichtsunterricht hatte, kaum absehbar waren, fügen sich sehr bildlich und spürbar zu einem Ganzen.

Es bleibt ein Land mit einem Volk, das in der eigenen Geschichte viel herumgeschubst wurde, und das meiner bescheidenen Ansicht nach den Sprung in das jetzige System mit Bravour geschafft hat. Ich fühle mich hier sehr wohl. Hier ist man echt auf Zack, es gibt kein Gegängel, alles geht sehr leicht und locker und fix.

Und man merkt, dass es hier weiter gehen soll, dass man sich nicht auf den mittlerweile schon 25 Jahren der dritten polnischen Republik ausruhen will, sondern weiter machen will, und das vor allem ganz offensichtlich ohne zu moralisieren und so, dass man allen anderen ihren Weg lässt. und das finde ich total angenehm zu spüren bei jedem Schritt, den ich in diesem Land mache.

Und so wie in den Köpfen mancher aus Westdeutschland, die immer noch von "Dunkeldeutschland" sprechen und noch nie in den nun schon nicht mehr ganz so neuen Bundesländern waren, die Mauer noch fallen muss, so musste auch in meinem Kopf die Mauer in Bezug auf "den Ostblock" fallen, und das ist auf dieser Reise durch Kultur und Natur und Geschichte dieses Landes geschehen. Polen ist somit mal wieder ein Land, in dem etwas begann.

Ich rollere über diese Themen nachdenkend wieder zum Hotel zurück, das übrigens ziemlich genau dort liegt, wo die ersten Schüsse des zweiten Weltkrieges fielen.

Ich setze mich ins Auto und mache mich auf nach Zoppot. Hier tobt heute, an dem schönen sonnigen Sonntag, der Bär!

Zoppot ist ein sehr nettes Seebad à la Binz: Quirlig, voll, traditionell und modern, aber am Strand ist genügend Platz. Eine Bar reiht sich an das nächste Restaurant.

Es ist noch zu früh zum Einchecken, aber mein Auto darf schon am Hotel stehen. Erst gehe ich an den Strand in einem der vielen niedlichen Strandlokale die Nase in die Sonne recken und ein paar Piroggen essen. Ich gehe auf die Seebrücke, die hier übrigens Eintritt kostet. Es ist die größte Seebrücke Europas mit über 500 Metern Länge. Hier finde ich eine windgeschützte Bank und mache weiter mit Ausruhen. Das ist ja das Herrliche an der See. Man kann sie mit geschlossenen Augen genießen und muss nichts tun um mitten drin zu sein und genau das Richtige zu machen.

















   
   


Ich kann in das sehr niedliche Zimmer in der Villa Sedan einchecken und fühle mich hier gleich sehr wohl.

Ich mache mich bald wieder auf den Weg, Idefix mal das Meer zeigen. Er mag zwar keinen Strand und stellt sich im Sand äußerst störrisch an, aber die Strandpromenade gefällt ihm gut. Hier entscheiden wir uns für den breiten Radweg neben dem Fußweg.



 

So langsam ist der Tag herum. Ich schätze, auch heute werde ich wieder herrlich schlafen!

Paula:
oh das Solidarnosz Museum schaut wirklich interessant aus! Ich erinnere mich gut an die Fernsehsendungen in den 80ern aus Polen, das ist das erste Stück Zeitgeschichte, das ich als Jugendliche bewußt mitbekommen habe. Nach Danzig muss ich unbedingt mal.

Und Zappot gefällt mir bestens, diese Seebrücke ist ja nicht nur lang sondern auch sehr breit, ja das kann ich mir gut vorstellen da eine Weile zu sitzen  :)

Andrea:
Wusste ich´s doch, dass Sonne hilft, Danzig auch schön zu finden!  ;D

Wieder ein toller Tag! Ich habe übrigens 1989 Abitur gemacht und eines der Themen in Gemeinschaftskunde waren das Wettrüsten und Abrüstungsprogramme, Warschauer Pakt und Nato... Ein Jahr später habe ich meinen Lehrer getroffen und ihn gefragt, ob er nun seine Unterlagen an den Geschichtslehrer weitergegeben hätte.  ;)

Von daher ist das, was du da alles zeigst und beschreibst auch von mir erlebte Geschichte. Mit ähnlichen Erinnerungen (Walessa, Walensa, Walännsa...).

Aber die größte Seebrücke hätte ich - ganz ehrlich -  in England vermutet!

Birgit:
Das freut mich total, dass ihr das nachempfinden könnt. Die Wende war damals für mich etwas ganz Besonderes. Ich habe fast geheult, als ich nach vielen Transitfahrten nach Berlin dann Anfang 1990 vor der offenen Mauer am Brandenburger Tor stand, meinen Pass nicht dabei hatte und der Grenzer einfach sagte 'ach, kein Problem, kommen Sie einfach bei mir wieder durch auf dem Rückweg.'

Mein Vater war 3 Jahre zuvor gestorben, 1986, war ein großer Berlinfan und somit hatte er mir da viel Bezug zu Berlin weiter gegeben und vor dem Brandenburger Tor standen wir oft und schauten rüber in eine völlig andere Welt.

Und auch in dem Museum und an der Werft war ich richtig gerührt und bin es nun wieder, wenn ich daran denke. Das hat nochmals vieles hervorgeholt...

Paula, ja, fahr nach Danzig und Zoppot, nimm Fahrräder mit und mach dir ein paar schöne Tage dort und in den Masuren!

Susan:
Uff, da hatte ich ja einiges aufzuholen.
Aufgewachsen bin ich gar nicht so weit weg von Hannover am Deister. Vor 40-45 Jahren sah das dort auch noch recht ländlich aus. Würde man heute kaum mehr vermuten.  ::)

Die Seen schreien ja geradezu nach Fahrrad und vielleicht Kayak, zumindest Boot. Und wenn es dann noch so tolle  Mohnblumenfelder gibt  :toothy9:  Wie schön, dass denn an der See auch wieder die Sonne schien!

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