5. Tag – Freitag, 12.09.
Um 8 Uhr starte ich heute wieder Richtung Pyhä-Luosto Nationalpark. Ich möchte den „Luosto Nature Hiking Trail“ wandern, dieser startet im nördlichen Teil des Nationalparks, im Örtchen Luosto.
Es soll wieder sonnig werden, über den Hügeln hängen noch Nebel- oder Wolkenreste, daher habe ich es nicht allzu eilig. In Pyhä stoppe ich am Supermarkt, da stehen in Finnland oft Briefkästen und ich möchte meine gestern Abend geschriebene Postkarte einwerfen. Tatsächlich steht der orange farbene Kasten auch hier am Supermarkt, ich werde meine Karte los.
Auf der weiteren Strecke bis Luosto werde ich noch zweimal wegen Rentieren auf der Straße ausgebremst und dann wegen einer Baustelle. Da die Anzahl der Straßen im ländlichen Finnland eher begrenzt und eine Umleitung wie in Deutschland üblich, meist nicht sinnvoll möglich ist, wird bei Straßenbauarbeiten oft unter einspurig laufendem Verkehr gearbeitet. So auch hier, zunächst muss ich einige Zeit an der roten Ampel warten, dann wird hinter dem „Follow-me“ Auto hergefahren, direkt daneben wird geteert.
Auch im Ort Luosto sind Straßenbauarbeiten im Gang, hier wird durch Wohngebiete und über die in finnischen Kleinstädten meist vorhandenen breiten Rad- und Gehwege, die von der Straße durch einen breiten Wiesenstreifen getrennt sind, umgeleitet.
Gegen halb zehn erreiche ich den Parkplatz an dem die Wanderung startet.
Hier ist deutlich weniger los als bei der gestrigen Wanderung, ich bin zunächst völlig alleine. Über einen wohl recht neu angelegten gekiesten gut begehbaren Weg geht es durch lichten Wald von Anfang an bergauf, die steilsten Abschnitte sind mit Treppen ausgestattet, die man wahlweise zum Pfad nehmen kann.
Das erste Geröllfeld taucht auch wieder früh auf, der Pfad bleibt aber gut ausgebaut, kein Stolpern und Balancieren über Felsen und Steine.
Ein erstes Highlight der Wanderung erreiche ich nach einer guten halben Stunde, die „Ukko-Luosto Scenic Hut“, eine ganz neu gebaute Holzhütte mit vielen Bänken und Tischen im warmen Inneren, auch eine Ausstellung zum Thema Nordlichter gibt es und ganz große Panoramafenster. In der Hütte treffe ich auf den ersten anderen Wanderer heute, ein junger Mann mit großem Wanderrucksack, der hier wohl eine ausführliche Pause macht (übernachten ist soweit ich weiß in der Hütte nicht erlaubt), seinen Kumpel treffe ich dann beim Verlassen der Hütte, als er von der wenige Meter entfernten Toilette zurückkommt.
Ab hier geht es dann für längere Zeit auf einem recht gut begehbaren Waldpfad gemäßigt bergab.
Ich treffe keine anderen Wanderer, ungefähr eine halbe Stunde nach Verlassen der Scenic Hut bin ich mir sicher, Schritte zu hören. Etwas unheimlich, denn ich kann niemanden sehen. Dann schweift mein Blick aber etwas weiter und – neuer Schreck

– nur vielleicht zwanzig Meter entfernt von mir läuft ein Rentier durch den Wald. Zum Glück sind diese Tiere völlig harmlos und daher freue ich mich nach dem Schreck dann schnell über die Begegnung. Auch das Tier ist alleine unterwegs, schaut kurz zu mir herüber und setzt seinen Weg völlig unbeeindruckt fort.
Etwas später kommt mir dann ein Wanderer entgegen, nach etwa einer Stunde ab der Scenic Hut dünnt der Wald aus und geht in eine Moorfläche über. Der Wanderweg besteht nun überwiegend aus einem Holzbohlenweg.
Ich komme an einem Rastplatz mit den üblichen Grillmöglichkeiten und einer Trockentoilette vorbei, dann an einer halb verfallenen Hütte mitten im Moor, der Boden ist schon verfault, ich kann leider kein Informationsschild zum (ehemaligen) Zweck dieser Hütte sehen, malerisch sieht sie aber allemal aus so im herbstlich gefärbten Moor.
Zeitlich passend gegen 12 Uhr komme ich an einer Bank vorbei, die auf die Holzbohlen gebaut wurde, das wird mein Spot für meine Mittagspause. Von hier schaue ich auf das spätere Wanderziel, den Berg Ukko-Luosto.
Nach der Pause führt mich der Weg noch eine kleine Weile durchs Moor, dann geht dieses wieder in einen lichten Wald über und aus dem Holzbohlenweg wird ein gut begehbarer Kiespfad. Ab hier begegnen mir auch immer wieder andere Wanderer, scheinbar haben die meisten die Tour in die andere Richtung gemacht, ich habe mich an die Empfehlung der Nationalparkverwaltung gehalten, da ich so das steilste Stück bergauf gehen kann.
Der Weg wird nach und nach steiler, aus Kies wird Erde, zur Erde kommen vereinzelte Steine dazu, bis der Weg schließlich nur noch aus Steinen besteht, ich bin wieder auf einem Geröllfeld unterwegs. Dieses ist jedoch wesentlich einfacher zu begehen als das gestern, es ist weniger steil, der Weg ist deutlicher markiert, die Felsbrocken kleiner und immer mal wieder ist auch Stück Erdpfad dabei. So ist der Hauptanstieg der Wanderung nicht allzu anstrengend, für Pausen sorgen die wunderbaren Ausblicke.
Ungefähr vierzig Minuten brauche ich vom Fuß des Geröllfelds bis zum 514 m hohen Gipfel des Ukko-Luosto.
Dort weht ein heftiger kalter Wind, so dass ich mich nicht allzu lange aufhalte. Beim Abstieg sehe ich eine kleine Rentierherde, leider sehr weit weg, da hätte sich ein Teleobjektiv gelohnt, das ich aber nicht dabei habe (nicht nur nicht auf der Wanderung, sondern gar nicht in diesem Urlaub).
Der Abstieg geht zunächst über Geröll und teilweise Erdpfade, zwanzig Minuten später beginnt für das steilste Stück eine endlos lange Treppe. Das ist natürlich wesentlich angenehmer zum laufen als rutschiges Gestein, ich bin aber froh, dass ich hier bergab gehen kann und nicht die vielen Stufen hinauf nehmen muss. Immer wieder kommen mir Leute entgegen, viele gehen wohl nur vom Ort diesen Weg zum Gipfel hinauf und dann den gleichen Weg wieder zurück oder einen kürzeren Rundweg, der über die Scenic Hut führt, bei der ich am Anfang war.
Nach dem Ende der Treppe geht es noch ein Stück gemäßigt durch den Wald bergab, um 15.20 Uhr bin ich zurück am Auto.
Auf der Rückfahrt komme ich wieder am Besucherzentrum des Nationalparks in Pyhä vorbei, wo ich gestern schon nach der Wanderung war. Hier stoppe ich nochmal für einen Schokomuffin und eine Tasse Kaffee (EUR 9,20, Wasser gibt es in Finnland immer kostenlos), wegen des starken Windes sitze ich heute drinnen.
In Kemijärvi gehe ich noch in den Supermarkt und bin gegen 17.45 Uhr zurück im Hotel.
Schon wieder steht kein einziges anderes Auto auf dem Parkplatz, ich bin auch noch keinem anderen Gast begegnet, das interessiert mich jetzt doch. Ich mache daher bei Booking.com und auf der Homepage der Unterkunft Probebuchungen für verschiedene Daten: bis zu meinem Abreisedatum ist das Hotel ausgebucht, für die danach folgenden Nächte ist immer ein einziges Zimmer zu haben – das heißt, sie vermieten zurzeit (vielleicht sind die anderen Zimmer noch nicht fertig eingerichtet?) nur ein einziges Zimmer, ich bin die einzige Person im ganzen großen Haus, etwas unheimlich, aber immerhin ist es dadurch ruhig. Vielleicht ist aber auch das Mädel vom Personal, das mir am ersten Tag mit der Türe geholfen hat, da, etwas abseits des eigentlichen Parkplatzes steht immer ein älteres Auto. Die Jungs, die an meinem Ankunftstag Möbel aufgebaut haben und mit einem Van da waren, waren an meinem ersten Morgen nochmal da, seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.
Heute Nacht ist die Chance auf Nordlichter groß, aber nichts bringt mich dazu, alleine später noch mein Zimmer und das Hotel zu verlassen, um mir das anzusehen. Ich schaue vor dem Schlafen noch ein paar Mal aus dem Fenster und auch nochmal als ich nachts zur Toilette muss, da ist aber nichts zu sehen, allerdings sind direkt vor meinem Fenster viele Bäume und der Eingang zur leerstehenden Schule nebenan wird mit einem starken Scheinwerfer angestrahlt.
Wetter: sonnig, ca. 13°-21°C
Wanderung: Luosto Nature Hiking Trail im Pyhä-Luosto Nationalpark, 16,62 km, 479 m Anstieg
Unterkunft: 5 Nächte Academy Hotel in Kemijärvi, ohne Frühstück, EUR 475,00, gebucht über die Hotelwebsite