7. Tag – Sonntag, 14.09.
Mein Wecker klingelt wie immer um 6 Uhr – ein bisschen bewegen, hm, ein kleines bisschen weniger Schmerzen habe ich als gestern – immerhin.
Noch vom Bett aus rufe ich den Notfallservice des ADAC an, vielleicht haben die dort eine hilfreiche Idee, eventuell kann ich den Urlaub gar nicht fortsetzen, was würde dann mit meinem Mietauto werden, solche und ähnliche Fragen gehen mir im Kopf herum. Leider wird dort nur auf die mir natürlich bekannte finnische Notrufnummer 112 verwiesen und man würde mir schon mal per Mail ein Formular bzw. einen Link zur Geltendmachung von eventuell anfallenden Arztkosten schicken. Na ja, das ist das Letzte über das ich mir gerade Gedanken mache.
Aber ich bin gerade schließlich nicht mitten in der Wildnis, sondern in der für diese Gegend recht großen Stadt Kemijärvi (6900 Einwohner), da müsste es doch ein Krankenhaus geben? Ich schaue bei Google nach und tatsächlich, es gibt ein Krankenhaus mit Notfallabteilung, die heute am Sonntag um 8 Uhr öffnet. Ich speichere mir die Adresse gleich im Navi, frühstücke dann und mache mich einigermaßen präsentabel, Duschen ist allerdings völlig ausgeschlossen.
Kurz nach acht schleiche (normales Gehen ist mir nicht möglich) ich dann zum Auto, setze mich unter Schmerzen hinein und fahre die paar Minuten zum Krankenhaus. Dort wieder unter heftigen Schmerzen aus dem Auto raus und ganz langsam zum Eingang. Ich werde von einer Notfallsanitäterin empfangen, die mich zu einer Krankenschwester führt, die zunächst mal meine Daten aufnimmt, Personalausweis und Krankenversichertenkarte lege ich dazu vor. Das Ganze dauert seine Zeit, die sehr freundliche und sehr gut englisch sprechende Schwester muss immer mal wieder bei Kollegen um Rat fragen, was sie über mich in den PC eingeben kann / soll, ein ausländischer Patient ist sicher eher eine Seltenheit hier.
Nachdem die Bürokratie erledigt ist, wird mir Blut abgenommen, ich gebe eine Urinprobe ab, Blutdruck wird gemessen, meine Temperatur und ähnliches.
Dann muss ich ungefähr eine halbe Stunde warte bis ich von einer ebenfalls sehr jungen Ärztin hereingerufen werde. Sie fragt nochmal genau nach meinen Symptomen, Vorerkrankungen usw. und sagt dann, dass es sich um Rückenschmerzen handelt und zwar ist wohl die Knorpelmasse zwischen den Wirbeln nicht mehr ganz funktionsfähig, daher reiben die Wirbel aneinander (hinsichtlich Details wird es etwas schwierig, da Englisch für uns beide eine Fremdsprache ist, ich mich mit medizinischen Ausdrücken nicht gut auskenne und sie erstaunlicherweise insgesamt nicht allzu gut Englisch spricht).
Aber, die gute Nachricht, das ist kein Grund den Urlaub abzubrechen oder die nächsten Tage im Bett zu verbringen, im Gegenteil, die Schmerzen müssten mit Hilfe von Schmerzmitteln nach und nach besser werden (sie meint es dauere zwei bis vier Wochen) und wichtig sei es, dass ich mich weiterhin bewege, weitere Wanderungen, wenn sie nicht allzu lange sind, sind möglich und sogar hilfreich.
Mir fällt ein Stein vom Herzen und alleine aufgrund dieser Aussage geht es mir schon etwas besser. Ich bekomme noch eine Spritze und zwei Schmerztabletten, sowie Rezepte über Schmerztabletten (hoch dosiertes Paracetamol und Ibuprofen), sowie muskelentspannende Tabletten. Die Rezeptausstellung ist nochmal ein etwas größerer Akt, denn auch in Finnland gibt es Rezepte eigentlich nur noch elektronisch auf die Versichertenkarte, das funktioniert aber nicht mit einer ausländischen Karte und so muss die Ärztin die Rezepte, für jedes Medikament sind das mehrere DIN A4 Seiten, ausdrucken und handschriftlich ausfüllen. Ich bekomme genug Tabletten mit für den Rest des Tages und morgen früh, da die Apotheke hier in Kemijärvi heute am Sonntag nicht geöffnet hat. Die Ärztin sagt mir aber, dass es im „nur“ etwa vierzig Autominuten entfernt liegenden Rovaniemi, der Hauptstadt von finnisch Lappland, auch heute geöffnete Apotheken gibt.
Gegen 11 Uhr bin ich zurück im Hotel, ich telefoniere mit Peter und entscheide mich dann, nach Rovaniemi zu fahren, es geht mir besser und ich soll ja gerade nicht den ganzen Tag im Bett liegen, außerdem steht morgen ein Unterkunftswechsel mit längerer Fahrtstrecke an, da möchte ich das Thema Apotheke möglichst schon vorher abgehakt haben. Ich suche mir noch die Adresse einer geöffneten Apotheke bei Google Maps für mein Navi heraus, nehme ein sich noch in meinem Kühlschrank befindliches belegtes Brötchen zum Mittagessen mit und fahre los.
Gegen 12 Uhr erreiche ich die Apotheke und bekomme dort problemlos die verschriebenen Medikamente, wobei das auch hier wieder recht lange dauert, gefühlt gibt die Apothekerin alles was handschriftlich auf den Rezepten steht, wieder in den Computer ein.
Da es mir nun deutlich besser geht, will ich nicht gleich wieder nach Kemijärvi zurückfahren (und dort etwas spazieren gehen, wie ich ursprünglich gedacht hatte), sondern hier noch etwas anschauen / unternehmen.
Etwas nördlich der Innenstadt verläuft der Polarkreis und das wird (warum überhaupt?) in Verbindung zum Weihnachtsmann gesetzt und kräftig touristisch ausgeschlachtet. So gibt es den Santapark, eine Art Freizeitpark in einem Bergstollen eher für Kinder, wo unter anderem ein Weihnachtsmann für Fotos bereitsteht. Dieser Park ist aber geschlossen, er hat nur kurz zur sommerlichen Hochsaison und dann wieder im Winter geöffnet. Direkt daneben und auf Höhe des Polarkreises liegt das Weihnachtsmann Dorf (Santa Claus Village), das ich nun ansteuere.
Auf einem großen Gelände sind kreisförmig eine ganze Reihe von Geschäften und Restaurants und Cafés, sowie ein Postamt und das Zimmer des Weihnachtsmanns angeordnet. Etwas abseits gibt es weitere Attraktionen (wohl nur im Winter) wie eine Husky-Farm, eine Schneemobilausstellung, einen Streichelzoo mit Rentieren und ähnliches. Ganz klar ist auch hier der Winter die touristische Hauptsaison. Es sind aber doch ein paar Leute unterwegs, erwartungsgemäß sehr viele Asiaten (wobei ich mich frage, wie deren Route aussieht, denn außer hier und am Flughafen in Helsinki sehe ich auf der ganzen Reise fast keine weiteren Asiaten, die werden doch nicht nur wegen des Weihnachtsmann Dorfes nach Rovaniemi fliegen und dann Finnland wieder verlassen?), aber auch Nord- und Südamerikaner.
Ich bummle über den Platz, esse mein mitgebrachtes Brötchen, mache ein paar Handyfotos vom markierten Polarkreis (na immerhin ist das nun festgehalten, denn inzwischen habe ich den Polarkreis schon mehrfach unbemerkt, also ohne jegliche Beschilderung an der Straße, überschritten bzw -fahren, am Tag als ich von Lapinlahti nach Kemijärvi gefahren bin, dann zweimal gestern auf der Fahrt in den Oulanka NP und beim Rückweg und dann heute auf dem Weg zur Apotheke) und schaue dann in ein paar der Souvenirgeschäfte hinein.



In einem recht netten Café trinke ich noch einen Kaffee und esse ein Munkki dazu (EUR 7,00) und kaufe schließlich noch eine Postkarte, zu der ich im Postamt eine Briefmarke bekomme. Schöne Briefmarkenmotive gibt es, hauptsächlich mit winterlichen Landschaften, ich nehme ein Rentier-im-Sommer-Motiv. Man kann die Postkarten hier natürlich auch gleich einwerfen (dazu gibt es eine ganze Reihe von Stehtischen mit Kulis, um die Karten hier schreiben zu können) und zwar entweder in einen Briefkasten zur sofortigen Zustellung oder in einen, bei dem die Karten erst im Dezember zugestellt werden, jeweils mit Weihnachtsmann Dorf Stempel. Das interessiert mich aber überhaupt nicht und ich werde die Karte erst später im Hotel schreiben und anderswo einwerfen.
Einen Besuch beim Weihnachtsmann erspare ich mir und verlasse das Dorf wieder.
Nur ein paar Kilometer vom Weihnachtsmann Dorf entfernt und auf direktem Weg nach Kemijärvi liegt die Arctic Circle Hiking Area mit einigen Wanderwegen. Ein bisschen Bewegung brauche ich noch, daher fahre ich nun auf einen Parkplatz an dem ein eher kürzerer Trail, der für mich heute bewältigbar ist, startet (Vikaköngäs parking area). Das ist jetzt ungeplant, aber meine Wanderschuhe sind ja sowieso immer im Auto, nur für Fotos muss ich mich aufs Handy beschränken, die Kamera habe ich im Hotel gelassen.
Gleich zu Beginn geht es über eine Hängebrücke, die den Fluss Raudanjoki mit ein paar Stromschnellen überquert.
Der Weg führt dann mit mäßiger Steigung mal auf Holzbohlen, mal auf einem recht gut begehbaren Waldweg zu einem Aussichtsturm, von dem man einen schönen Blick über die umliegenden Wälder und den Raudanjoki hat.
In einem Bogen geht es durch den Wald zurück zum Parkplatz.
Nach der Wanderung fahre ich ins Hotel zurück, wo ich gegen 16.30 Uhr ankomme. Irgendwie bin ich ziemlich müde und mache ein kurzes spätnachmittägliches Schläfchen.
Später gibt es Abendessen und dann die sonstigen üblichen abendlichen Betätigungen.
Das war nun doch noch ein recht angenehmer Tag mit einigen interessanten Aktivitäten, das hätte ich heute Morgen beim Aufwachen ganz und gar nicht erwartet.
Wetter: bewölkt, im Laufe des Tages sonniger werdend, ca. 13°-16°C
Wanderung: Arctic Circle Hiking Area, Vaattunkivaara Nature Trail, 4,2 km, 88 m Anstieg
Unterkunft: 5 Nächte Academy Hotel in Kemijärvi, ohne Frühstück, EUR 475,00, gebucht über die Hotelwebsite