2. Tag – Mittwoch, 22.04. - 4. TeilDie Stadthalle von 1920 im Beaux Arts Stil gehört zu den Gebäuden, die die Bombardierung des Zweiten Weltkriegs überstanden haben.
Nun habe ich ein paar Ziele hinter dem Hauptbahnhof auf dem Plan. Das erste ist oder besser gesagt sollte sein, der Luchtsingel. Das ist eine hölzerne Konstruktion, teilweise mit Crowdfunding Mitteln, teilweise mit städtischer Förderung gebaut, die die Bahngleise als Fußgängerüberführung überquert und unter anderem einen Zugang zum Dachpark Hofbogen ermöglicht. Schon von weitem sehe ich aber, dass auf dem Treppenzugang komische Typen herumturnen, da verzichte ich lieber auf eine Besichtigung. Der Dachpark ist im Übrigen sowieso längerfristig geschlossen, das habe ich bei meiner Reisevorbereitung festgestellt. Bei diesem Park handelt es sich um eine Begrünung der ehemaligen Hochtrasse der Straßenbahn, die schon vor längerem stillgelegt wurde. Warum dieser Park geschlossen ist, konnte ich nicht rauskriegen.
Aber ich kann unterhalb der ehemaligen Hochtrasse entlang gehen, in den sog. Hofbogen sind Geschäfte, Cafés und Restaurants eingezogen.
In ehemals leerstehende Büros und Fabriken sind Künstler und sonstige Kreative eingezogen.
So richtig wohl fühle ich mich aber nicht, so dass ich die Gegend recht schnell verlasse und ins benachbarte Provenierswijk wechsle. Nur wenige Schritte und man ist in einer anderen Welt: altehrwürdige Backsteinhäuser, Kanäle mit viel Grün drumherum, ein paar Restaurants, die bereits genannte Zeitschrift in meinem Hotelzimmer bezeichnet das Viertel als Klein-Paris, so weit würde ich dann doch nicht gehen, aber es ist auf jeden Fall eine unerwartete Oase der Ruhe direkt hinter dem Hauptbahnhof.
So langsam geht es nun auf den Rückweg in Richtung Hotel. Ich durchquere den Hauptbahnhof, natürlich mit ein -und auschecken mittels Kreditkarte durch die Sperren (es kostet aber nichts, wenn man sich nur eine kurze Zeit im Bahnhof aufhält, um z.B. jemanden abzuholen, etwas einzukaufen oder wie ich, einfach durch zu gehen) und schaue mir dann den Vorplatz und das Bahnhofsgebäude von außen genauer an.
Wie nicht anders zu erwarten in dieser Stadt der modernen Architektur ist auch die Centraal Station ein architektonisches Highlight mit ihrem dreieckigen Dach aus Stahl und Holz. Eröffnet wurde das Gebäude 2014, sehr schön finde ich, dass in Erinnerung an den Vorgängerbau von diesem der Schriftzug Centraal Station und die große Uhr an der Glasfassade des Eingangsbereichs übernommen wurde.
Seit 2023 steht auf dem Platz vor dem Bahnhof die Skulptur „Moments Contained“ vom Thomas J. Price. Vier Meter hoch ist die junge Schwarze aus Bronze, die äußerlich unbeeindruckt, durch die geballten Fäuste in den Hosentaschen aber ihre Anspannung zeigt, die sie aufgrund ihrer Andersartigkeit empfindet. Die Skulptur will einen Moment, eine Möglichkeit für Verständnis, Verbindung und Empathie zeigen.
Links des Bahnhofsgebäudes steht das Groothandelsgebouw aus den 1950igern Jahren. Es war eines der ersten Gebäude, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Rotterdam errichtet wurden und ist inspiriert von amerikanischen Bauwerken aus dieser Zeit. Zu Beginn wurde es von 150 Firmen mit insgesamt 5000 Angestellten genutzt, die ihre bisherigen Büroräume durch die Bombardierung verloren hatten. Aufgelockert wird die Betonfassade durch die kleinteiligen Fenster und die verschnörkelten Balkonbrüstungen.
Einen Kontrast dazu bildet das Gebäude rechts vom Bahnhof, das „Delftse Poort“ mit seinen zwei Türmen mit einer völlig schmucklosen Glasfassade. Erbaut wurde es von 1988 – 1991 und war mit 151 m Höhe bis 2009 das höchste Gebäude der Niederlande. Auch hierin sind Büros untergebracht.
Nun folge ich dem Westersingel / Mauritsweg wo ich am Calypso Gebäudekomplex aus dem Jahr 2013 vorbeikomme, Apartments und Büros befinden sich in den silberfarbenen und roten Gebäuden mit einer Art Zig-Zag Fassadengestaltung. Am äußersten Rand steht die Pauluskirche aus braunen Kupferplatten, sie soll an einen Felsbrocken erinnern, der von einem Berg heruntergefallen ist.
Das Restaurant /Café „Bagels and Beans” lacht mich an, eine Kaffeepause habe ich nun dringend nötig. Nach einem Flat White und einem Stück Cheesecake (EUR 10,00) bin ich wieder fit für die letzte Etappe des Tages.
Entlang des etwas tiefer als das übrige Straßen Niveau liegenden Westersingel (den ich schon heute vormittag vom Museumspark kommend an anderer Stelle überquert habe) sind eine Reihe von Skulpturen aufgestellt. Leider etwas von mir vernachlässigt, schaut dahinter eines der bekanntesten Gebäude Rotterdams hervor, das Café de Unie von 1925. Wobei, es ist gar nicht das Café de Unie, dieses stand ein paar Straßen weiter und wurde bei der Bombardierung 1940 zerstört. 1986 wurde es an der heutigen Stelle nachgebaut. Architekt war J.J.P. Oud, ein Mitglied der Künstlergruppe De Stijl zu der unter anderen auch der Künstler Piet Mondrian gehörte und an dessen Gemälde erinnert es auch deutlich mit seinen Blöcken in Primärfarben.

Am Eendrachtsplein stoße ich auf die weithin bekannte Skulptur des Santa Claus des amerikanischen Künstlers Paul McCarthy aus dem Jahr 2001. Das Sex Spielzeug in seiner rechten Hand führte zu einer riesigen Debatte in und sogar außerhalb der Niederlande, die Skulptur wurde von einem Platz zum anderen gebracht, bis sie schließlich einige Jahre im Museum Boijmans Van Beuningen verbrachte. Seit 2008 zeigt sie sich wieder der Öffentlichkeit auf dem Eendrachtsplein.
Ich folge dem ruhigen Westersingel bis ich mit der Willemskade wieder die Maas erreiche. Der Wilhelminapier und die Erasmusbrücke zeigen sich nun im perfekten Nachmittagslicht.
Nun noch über die Brücke und gegen 17.30 Uhr bin ich zurück im Hotel.
Nach einer kurzen Pause gehe ich noch zum kleinen Supermarkt gegenüber und hole mir etwas zum Abendessen.
Ich möchte die Erasmusbrücke und die umliegenden Gebäude auch bei Dunkelheit sehen, dämmrig wird es aber erst ab 21 Uhr, jetzt kann ich mich nicht mehr aufraffen und nochmal rausgehen, das verschiebe ich auf einen der kommenden Tage.
Wetter: sonnig, kalter Wind, ca. 6° - 16°C