6. Tag – Sonntag, 26.04. - 2. TeilIch fahre wieder zurück zur Station Marconiplein. Von hier erstreckt sich in Richtung Norden / Nordosten das Wohnviertel Spangen, das zum Stadtteil Delfshaven gehört und eines der ärmsten Wohnviertel der Niederlande sein soll, in Spangen ist aber auch Sparta Rotterdam, der älteste Fußballklub Hollands zu Hause mit seinem Stadion „Het Kasteel“. Nördlich davon befindet sich die Van Nelle Fabri(e)k, wo ich um 13.30 Uhr an einer Führung teilnehmen möchte. Das Ticket (EUR 19,50) habe ich mir schon zu Hause online gekauft, die englischsprachige Führung findet nur samstags und sonntags um jeweils 13.30 Uhr statt.
Vom Marconiplein könnte ich nun noch die Straßenbahn für ein Stück des Wegs nehmen, ich bin aber nicht unter Zeitdruck und das Wetter ist schön, also gehe ich zu Fuß. Am Wohnviertel ist nichts besonders auffällig, es sind keine zigstöckigen Wohnblocks, sondern drei bis vierstöckige Häuser aus dem typischen roten Backstein. Ich komme an besagtem Stadion vorbei und kann für das letzte Wegstück auf einem Fußweg am Fluss/ Kanal Schie entlang gehen.
An der Pförtnerloge ist der Treffpunkt für die Führung, in einem kleinen Raum lasse ich mein Ticket scannen, es gibt Sitzmöglichkeiten, ein paar Bildbände und Bücher über die Fabrik und Architektur allgemein liegen aus und sind auch käuflich erwerbbar. Auch eine Toilette ist vorhanden.
Ungefähr 15 Leute aus unterschiedlichen Ländern (da kann ich nur anhand der Sprachen raten, eine Vorstellung der Teilnehmer gibt es natürlich nicht, wir sind ja nicht in den USA

nehmen an der Führung teil. Der Guide ist älterer Holländer.
Die Van Nelle Fabrik gehört zum Weltkulturerbe und ist architektonisch eines der herausragendsten Gebäude der Niederlande. Sie wurde in den 1920iger Jahren erbaut, wie schon bei meinem Besuch des Sonneveld Hauses (das einem der Direktoren der Van Nelle Fabrik gehörte) gestern erwähnt, waren Brinkman en Van der Vlugt die Architekten, die im Auftrag des Fabrikinhabers eine für diese Zeit hochmoderne Fabrik erbauten. Sehr viel Glas wurde verwendet, das viel Licht und Luft (viele Fenster zum öffnen) in die Fabrikräume ließ, eine weitere Besonderheit war die Stahlbetonskelett Bauweise die mit ihren pilzartigen Trägern ebenfalls sehr viel Platz für Licht und Luft ließ. Außerdem waren die sanitären Einrichtungen für die Arbeiter meilenweit oberhalb des damaligen Standards, Duschen hatten die meisten damals nicht mal zu Hause, ganz zu schweigen von ihrem Arbeitsplatz.



In der Fabrik wurden Tee, Kaffee und Tabak verarbeitet und zum Verkauf verpackt, angeliefert in Rohform mit dem Schiff vom Rotterdamer Hafen direkt an die Anlegestelle vor der Fabrik.
Die gläsernen Verbindungen zwischen den zwei Gebäuden sind übrigens keine Gänge für Fußgänger, sondern waren mit elektrischen Transportbändern für den Warentransport ausgestattet. Diese „Brücken“ sollten ursprünglich waagrecht angebracht werden, aufgrund von finanziellen Problemen wurden die Gebäude aber mit weniger Stockwerken gebaut als geplant, was also eher zufällig zum heute herausragendsten Merkmal der Fabrik führte.
Im leicht gebogenen Gebäude waren die Büros der Direktoren, drei gab es, sichtbar an den drei Garagen, die sich im Erdgeschoss des Gebäudes befinden. Vom Bürogebäude führt eine diesmal tatsächlich für Fußgänger gedachte verglaste Brücke zum Treppenhaus des Produktionsgebäudes. Von dort ist der runde Pavillon auf dem Dach erreichbar mit Panorama Blick über das gesamte Gelände und darüber hinaus.

Die Fabrik gehört heute (nach mehreren Verkäufen) einer belgischen Firma, die einzelne Räume an Unternehmen (Anwaltskanzleien, Architekturbüros, Unternehmensberater, Designer usw.) vermietet, aber auch Events finden hier statt. Drei interessante Details noch: eines der Unternehmen, die heute Mieter in der ehemaligen Fabrik sind, ist das Architekturbüro Brinkmann en Van der Vlugt bzw. deren Nachfolger, so schließt sich der Kreis; einer der Räume wird von der finnischen Designfirma Marimekko genutzt, die fast schon als Synonym für Finnland steht und mich natürlich sofort an meine Finnland Urlaube erinnert; die türkisfarbigen Fliesen im Treppenhaus sind die gleichen, die im Bad des Hauses Sonneveld verwendet wurden, entweder weil Herrn Sonneveld diese so sehr gefielen, dass er sie auch zu Hause haben wollte oder weil noch viele der Fliesen nach der Fertigstellung der Fabrik übrig waren (das lässt sich heute nicht mehr klären).






Eine Stunde ist für die Führung vorgesehen, sie dauert aber länger, auch, weil ein paar der Teilnehmer ständig Fragen haben. Insgesamt war die Führung sehr interessant, ich hatte mir aber erhofft, mehr vom Inneren der Fabrik zu sehen, z.B. in eine der gläsernen Brücken gehen zu können oder auch in die gläserne Panoramalounge auf dem Dach. Aber das alles erlaubt der belgische Inhaber nicht bzw. würde dafür sehr viel höhere Gebühren fordern. Da das Außengelände für jedermann zugänglich ist, kann man sich also überlegen, ob man nicht auf die Führung verzichtet und sich die Gebäude nur von außen anschaut. Sehr schön wäre das Ganze auch bei Dämmerung oder Dunkelheit, der ikonische Schriftzug auf dem Dach ist dann farbig beleuchtet.
Die Führung wird vom Chabot Museum organisiert und im Ticketpreis für die Führung ist auch der Eintritt ins Chabot Museum enthalten und dorthin möchte ich nun noch gehen.
Das Chabot Museum steht neben dem Haus Sonneveld, also im Museumspark und dieser ist praktischerweise mit der Straßenbahnlinie, die ihre Endstation in Spangen am Sparta Fußballstadion hat, gut erreichbar. Dorthin mache ich mich also nach dem Ende der Führung zu Fuß auf den Weg.
Die Haltestelle Museumspark erreicht die Tram gegen 20 nach drei, ein paar Minuten später bin ich beim Museum. Das Museum ist in einer Villa untergebracht, das wie das benachbarte Huis Sonneveld im Bauhaus Stil in den 1930iger Jahren errichtet wurde. Architekten waren hier nicht Brinkman en Van der Vlugt, sondern Gerrit Willem Baas, der aber ein ehemaliger Angestellter von Brinkman war. Besonderheit des Hauses ist der gebogene Balkon, während am Haus Sonneveld alles kantig ist.
Gezeigt werden zurzeit die Werke von drei Künstlerinnen aus Rotterdam. Im Erdgeschoss stellt Anne Wenzel aus, sie macht große, dunkle, wuchtige Skulpturen, die sich auf frühere oder aktuelle politische Ereignisse oder Personen beziehen, so z.B. der Sturm auf das Capitol in Washington 2021. Es geht um Heldentum, Macht und Gewalt und um die Macht des Volkes gegen die Macht der Politik.
Im ersten Stock schaue ich mir die unterschiedlichen Objekte von Evelyn Taocheng Wang an. Sie malt, zeichnet und schreibt, ihre Werke wirken oft humorvoll und leicht. Es geht bei ihr um Migration, Verbindung und wie wir uns präsentieren mittels Kleidungsstil und Marken.
Im dritten Stock schließlich finden sich die Werke von Silvia B. In den hier gezeigten Skulpturen geht es um die heutige junge Generation, die geprägt ist von hohem Druck hinsichtlich Aussehen und Kleidung und der eigenen Darstellung in den sozialen Medien, dazu die Hoffnung und Erwartung die Umwelt zu retten, die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Sehr ungewöhnliche Skulpturen finde ich.
Im Untergeschoß wird ein kurzer Film über den Bau der Van Nelle Fabrik gezeigt, der eine tolle Ergänzung zur Führung ist.
Am Ausgang kann man noch seine Stimme abgeben, welche der drei Künstlerinnen den diesjährigen Chabot Preis erhalten soll, ich wähle Evelyn Taocheng Wang, da mir die Leichtigkeit ihrer Werke gefallen hat, trotz der ernsten Themen, die zugrunde liegen.