Autor Thema: Ausflug in den Geopark Ries  (Gelesen 4130 mal)

Silvia

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 2499
Ausflug in den Geopark Ries
« am: 20. September 2018, 20:26:57 »
Bei meinem Schwedenbericht hab ich über nen Kurzbesuch eines kleinen Meteoritenkraters geschrieben und jemand (ich glaube Paula) sagte sie interessiert sich für solche geologischen Stätten.

Da ich diese Woche ne Gruppe ins Nördlinger Ries gefahren habe dachte ich mal vllt. interessiert es jemanden, das wir hier in Deutschland auch einen riesigen Meteoritenkrater haben.





Geopark Ries


Das nahezu kreisförmige, flache Ries hebt sich auffällig von der hügeligen Landschaft der Alb ab. Aufgrund der im Ries gefundenen Gesteine, insbesondere des Suevits, wurde das Ries zunächst für eine vulkanische Struktur gehalten. Erst 1960 konnte nachgewiesen werden, dass es Überreste eines etwa 14,6 Millionen Jahre alten Einschlagkraters sind, der während des Ries-Ereignisses entstand. Das Ries zählt zu den am besten erhaltenen großen Impaktkratern der Erde.



Erst mal was zur Entstehung:

 :read2:   Vor 14,5 Millionen Jahren rast ein etwa 1 km großer kosmischer Körper (Asteroid), begleitet von einem 150 m großen Trabanten, auf die Erde zu. Beide schlagen mit einer Geschwindigkeit von über 70.000 km/h ein und erzeugen zwei Krater mit Durchmessern von 25 und 4 km: Das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken.


Am Einschlagspunkt entsteht ein Druck von mehreren Millionen bar und eine Temperatur von mehr als 20.000˚C. Der Asteroid und ein Teil der getroffenen Gesteine werden verdampft und aufgeschmolzen. Eine Stoßwelle rast mit Überschall durch das tiefer liegende Gestein, verändert es und führt zur Bildung von Hochdruckmineralen wie Coesit, Stishovit und Diamant.


In den ersten Sekunden nach dem Einschlag entsteht eine Kraterhohlform, die eine Tiefe von 4,5 km erreicht. Die ausgeschleuderten Gesteinsmassen bilden eine geschlossene Auswurfsdecke, die bis zu einer Entfernung von 50 km reicht. Gleichzeitig schießt eine heiße Glutwolke über dem Krater in die hohe Atmosphäre. Der tiefe Krater besteht nur einige Sekunden lang.


Der Kraterboden, in dem kristalline Gesteine des Grundgebirges freigelegt sind, wölbt sich im Kraterinnern auf. Gleichzeitig rutschen vom steilen Kraterrand Gesteinsschollen ab und vergrößern den Krater, so dass der ursprüngliche Kraterrand immer undeutlicher wird. Der Krater kollabiert und wird flacher. Nach wenigen Minuten sind alle Gesteinsbewegungen beendet. Die Glutwolke fällt in sich zusammen und lagert sich als heiße, mehrere 100 m mächtige Gesteinsmasse – Suevit genannt – im Krater und in isolierten Bereichen außerhalb des Kraters ab.




Hier findet man eine tolle Grafik von diesen Ereignissen:   https://www.geopark-ries.de/tn_img/3422994_einschlag1.png   




Der Einschlag löscht alles Leben im Umkreis von mehr als 100 km aus und verändert die Landschaft nachhaltig. Nach dem Einschlag bildet sich im abflusslosen Kraterbecken schrittweise ein nährstoffreicher Salzsee, aus dem sich Ölschiefer und Tone absetzen. An seinem Ufer und an den Untiefen des Kristallinen Walls entstehen dagegen dolomitische Grünalgenriffe, kalkige Absätze von Quellen und fossilreiche Kalksande.



Die Fauna aus kleinen Salzwasserschnecken, Insektenlarven, Salinen- und Muschelkrebsen ist zwar individuenreich aber extrem artenarm, so wie es auch in Salz- und Sodaseen heutiger Trockengebiete der Fall ist. Erst während seiner Verlandung nach 2 Millionen Jahren verändert sich der Ries-See zu einem lebensfreundlichen Gewässer, welches von zahlreichen Kleinsäugern (Fledermäuse, Hasen- und Hamsterartige) und Vögeln (Pelikane, Flamingos, Papageien) besiedelt ist.








Unsere Gruppe steuerte als erstes das Geotop "Steinbruch Aumühle" an. Dieser zeigt die bei einem Meteoriteneinschlag – beim sogenannten "Ries-Impakt" – entstandenen Gesteinsmassen. Diese sind hier in Form von "Bunter Brekzie" und grauem, tuffähnlichem "Suevit" übereinander abgelagert.

Hier konnte ich leider nicht mit, da es nur mit Voranmeldung, festen Schuhen und Helm in den Steinbruch ging.  :(






Der nächste Stop war am Sportplatz von Hainsfarth. Hier sind Kalkablagerungen aus dem ehemaligen Riessee zu sehen. Am Rande des Sees entstanden massige Ablagerungen von fossilführenden Riesseekalken.



Der Großteil der Kalkablagerungen wurde von Blaugrünalgen abgeschieden. Diese wuchsen in Form von säuligen Strukturen, so genannten "Rüben", nach oben. Mehrere Bündel dieser "Rüben" bilden massige knollige "Algenstotzen", die eine durchschnittliche Höhe von einem Meter, gelegentlich aber auch bis fünf Meter erreichen können.


Zwischen den Algenstotzen bildeten sich schichtartige Bereiche mit ausgesprochen artenarmen, aber individuenreichen Faunen, die typisch für Brackwasserbiotope sind. Dort liegen oft massenweise die Reste der kleinen Schalenkrebse und Wasserschnecken.























Weiter ging es nach Nördlingen mit Mittagspause.... (Nördlingen hat ne schöne Altstadt) ...













.... und Besuch des Rieskrater-Museums, ein geologisches Spezialmuseum.

Der Hauptfokus liegt natürlich auf der Entstehung des Nördlinger Ries, aber z.B. auch der Chicxulub-Krater (66 Millionen Jahre alter Einschlagkrater mit ca. 180 km Durchmesser im Norden der Halbinsel Yucatán (Mexiko), der mit dem Aussterben der Dinosaurier und eines großen Teils der mesozoischen Tier- und Pflanzenwelt in Verbindung gebracht wird.  (Ich war nicht sicher, ob ich das Ende der Audiospur richtig verstand, jedenfalls fand's ich: So ein riesiger Impaktkörper würde nur ca. alle 100 Millionen Jahre einschlagen und da die Menschheit nur eine Dauer von 5 Millionen Jahren existieren brauchen wir uns keine Sorgen machen  :evil: ) Na dann hoffen wir das uns nicht ein kleinerer direkt auf den Kopf fällt  ;D








Danach ging es zum Riesrand zwischen Holheim und Utzmemmingen. Hier liegt der Riegelberg, eine große Scholle aus Kalkgestein. Ihre heutige verkippte Lage ist auf den Einschlag des Riesmeteoriten zurückzuführen.













 :read2:  Der Riegelberg, auch "Himmelreich" genannt, bildet am südwestlichen Riesrand einen dem Kraterrand vorgelagerten Höhenrücken aus Kalkstein. Allerdings lagern die Gesteine nicht autochthon (= vor Ort entstanden), sondern es handelt sich um eine 1,75 x 0,75 km große Malmkalkscholle innerhalb der Bunten Trümmermassen, den beim Riesimpakt entstandenen Gesteinen.
Während des Meteoriteneinschlages wurden nicht nur kleine Gesteinsfragmente und –schmelzen ausgeworfen, sondern auch große Gesteinskörper verlagert. Viele dieser Schollen sind völlig vom ursprünglichen Gesteinsverband gelöst, weit transportiert und stark zertrümmert. Im Unterschied zu diesen ist die Scholle des Riegelberges zwar gegenüber ihrer ursprünglichen Position etwas abgesunken und verkippt, aber nicht sehr weit verlagert worden. Sie glitt noch während des Auswurfs von Material vom Rand in den gerade entstehenden Krater ab.

Weitere derartige Schollen säumen den Kraterrand im Inneren auf eine Breite von etwa fünf Kilometern. Vor allem im Süden, wo vor dem Ries-Impakt Malmkalksteine die Landoberfläche bildeten, treten sie heute als Höhenrücken hervor. Die Erosion präparierte sie als Härtlinge aus den weicheren Auswurfmassen und Seesedimenten heraus.








Blick vom Rieglberg, die Höhenzüge gehören zum äußeren Ring























An der Südwestseite des Rieglberges findet man mit den Ofnethöhlen Reste eines ehemaligen Karstsystems, das während der letzten Jahrmillionen entstanden war. Sie stellen Höhlenruinen dar, die auf der vom Ries-Krater abgewandten Seite von einem Trockental angeschnitten sind. Die Große Ofnethöhle liegt auf 520 m Höhe und besitzt eine Gesamtganglänge von 55 Metern.














Etwa 50 m schräg oberhalb befindet sich die Kleine Ofnethöhle; sie verfügt über eine Gesamtlänge von ca. 15 m.












Besondere wissenschaftliche Bedeutung erlangten die Höhlen durch archäologische Funde, die eine Nutzung durch den Menschen schon während de Steinzeit belegen. Aufsehend erregender Fund: zwei Nester, in denen 33 Menschenschädel lagen. Zehn von ihnen waren Frauenschädel, 19 Kinderschädel und vier Männerschädel. Alle Schädel waren nach Westen ausgerichtet. Die Nester, in denen die Schädel lagen, waren mit Rötel eingefärbt. Die weiblichen Schädel waren mit Schmuckbeigaben versehen, darunter 215 Hirschzähne und 4250 Gehäuse von Schmuckschnecken. Alle Beigaben waren durchbohrt und müssen ursprünglich zu Ketten oder Netzen aufgefädelt gewesen sein.



Nach diesem Ausflug von der Geologie zur Geschichte ging es zurück.


Christina

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 3079
Re: Ausflug in den Geopark Ries
« Antwort #1 am: 20. September 2018, 20:32:56 »
Nördlingen mit seiner schönen Altstadt kenne ich, aber das Ries überhaupt nicht - sehr interessant, was es auch bei uns so alles an geologischen Besonderheiten gibt. Danke fürs Vorstellen.


LG Christina

Paula

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 4402
Re: Ausflug in den Geopark Ries
« Antwort #2 am: 21. September 2018, 12:08:10 »
Hallo Silvia,

Das ist sehr interessant, vielen Dank für die ausführliche Darstellung.
In Nördlingen waren wir mal bei einer Deutschlandrundreise und sind auf der Stadtmauer um die Altstadt gelaufen. Wir haben auch irgendwo weiter außerhalb gehalten wo eine Infotafel zum Meteoreinschlg stand aber von dem Museum wußte ich nichts. Di Höhlen hätte ich auch gern gesehen. Nächstes Mal...
Viele Grüße Paula