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Reisebericht anders oder ein Appendix will nicht mehr nach Hause ...

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S@bine:
Hallo Ilona,

ich schreibe noch am Folgetag ... zurzeit denke ich noch nicht an Blinddarm, dann hoffe ich, dass es blinder Alarm ist, soviel sei verraten.

Liebe Grüße
Sabine

S@bine:
Tag 20 - Teil 1

Windhoek
Übernachtung: Hotel Safari bzw. Hospital


Irgendwann gegen Mitternacht wurde ich wach … vor Schmerzen. Ich versuchte meine Liegeposition zu ändern, in der Hoffnung, es würde besser, aber selbst das Drehen tat einfach nur weh. Mehrmals stand ich auf, ging ins Bad und versuchte dabei leise zu sein, um meinen Mann nicht zu wecken. Ich war immer noch der Meinung, dass die Schmerzen bald verschwinden würden. Irgendwann wich dieser Meinung mehr einer Art Hoffnung. Ich redete mir das ein, weil ich zwar immer noch Schmerzen hatte, aber nicht mehr ganz so schlimm und heftig, wie gleich nach dem Abendessen. Zwischendurch döste ich sogar immer mal weg.

Während der Nacht fing ich dann an zu grübeln, was machen wir nur, eigentlich wollten wir morgens Richtung Botswana fahren, mit einer Zwischenübernachtung in der Kalahari Bush Breaks Lodge, weil sonst die Strecke für eine Tagesetappe einfach zu weit war. Das Gepäck hatten wir schon vor dem Abendessen grob zusammengepackt.

Immer mehr kam mir dann aber der Gedanke, die Schmerzen könnten durch unseren Mitreisenden Appendix ausgelöst sein. Der reine Gedanke daran löste in mir schon eine innere Panik aus, ganz zu schweigen davon, dass ich bisher noch nie eine Vollnarkose oder Operation hatte.

Obwohl es mittlerweile mit den Schmerzen besser ging, habe ich dann gegen ca. 5:00 Uhr meinen Mann geweckt, mit dem Ergebnis, dass ich mir sofort einen großen Rüffel einhandelte. Warum ich ihn nicht gleich geweckt hätte?

Leider war dann seine Befürchtung nicht gerade ermutigend, denn auch er nahm ziemlich schnell das „verbotene“ Wort Blinddarm in den Mund. Genau das, was ich jetzt nicht hören wollte.

Wir besprachen uns, besser gesagt, ich wollte noch abwägen, was wir jetzt machen, für meinen Mann war klar, dass wir nicht weiterfahren, sondern einen Arzt aufsuchen.

Also gingen wir zur Rezeption. Ich hatte in Erinnerung, dass die Lodge von Deutsch-Namibianern geführt wird, diese wollten wir jetzt nach Adressen von deutschsprechenden Ärzten fragen. Zwar hatte ich eine Adresse dabei, aber in diesem Moment kam mir das gar nicht in den Sinn. Auf dem Weg vom Bungalow zur Rezeption hörte ich jeden Schritt in mich hinein und war froh (und redete es mir auch ein, glaube ich), wenn es mir besser ging.

An der Rezeption bat ich die Dame doch bitte die Managerin anzurufen und mir dann zu geben. Sie tat es dann auch, nachdem ich ihr kurz erklärte, um was es ging. Die Managerin war sehr hilfsbereit und gab mir die Telefonnummer einer deutschsprechenden Allgemeinmedizinerin.

Nachdem ich aufgelegt hatte, bat ich die Dame an der Rezeption, sie möge doch bitte die Nummer wählen, auch wenn die Praxis erst um 8:00 Uhr öffnet … und vom Band kam die Nachricht, man sei diese und nächste Woche in Urlaub. Na prima.

Ich bat darum, wieder die Managerin anzurufen. Sie gab mir eine weitere Nummer bzw. auch gleich eine Mobiltelefonnummer eines anderen Arztes. Ihn erreichte ich dann, er war noch um diese Uhrzeit früh morgens zuhause. Er sagte, in ca. 30 bis 60 Minuten müsste jemand in der Praxis erreichbar sein und ich solle dort anrufen, um einen Termin zu machen. Gleichzeitig würde er auch schon einmal versuchen, jemanden zu erreichen, um mich dazwischen zu schieben.

Nachdem wir dann die sehr nette Sprechstundenhilfe erreichten, hätten wir auch gleich vorbeikommen können. Gleich war allerdings relativ, da wir ja doch etwas außerhalb von Windhoek wohnten. Wir entschlossen uns nach Rücksprache mit den Mitarbeitern von Goche Ganas und weil heute kein neuer Gast in unserem Bungalow zu erwarten wäre, unser Gepäck im Zimmer zu lassen und einen Transfer von der Lodge zu nutzen. Uns war nicht danach, selbst mit dem Wagen zu fahren, zumal ich als unser Navi auch nicht gerade 100 %-ig topfit war.

Wir fuhren dann nach Windhoek zur Praxis. Ich wurde dann relativ schnell von einer sehr netten Ärztin aufgerufen. Sie rief bei der Untersuchung noch ihren Kollegen hinzu. Als nächstes sollten die Blutwerte untersucht werden. Zu meiner Überraschung war das nicht wie hier bei uns, wo die Abnahme in der Praxis gemacht wird, sondern wir mussten dazu an eine – ich nenne es jetzt einmal „zentrale Blutabnahmestelle“ - fahren. Man empfahl uns das Roman Catholic Hospital. Also fuhren wir dorthin, mittlerweile konnte ich besser laufen, dafür war mir ein wenig übel, aber wir (besonders ich) hatten nach wie vor die Hoffnung, dass es doch eher nicht der Blinddarm ist und etwas anderes dann leicht mit Medikamenten zu behandeln wäre; so dass wir unsere Reise Richtung Botswana fortsetzen könnten. Wir freuten uns schon so lange auf ein Wiedersehen mit den Dombos.

Im Krankenhaus war ein großes Gewusel, unser Fahrer vom Goche Ganas organisierte eine Sicherheitskraft, die uns dann den Weg zeigte. Ich hatte zwar auf meinem Zettelchen den Vermerk „Urgent“, musste mich aber trotzdem einreihen wie alle anderen.

Bevor ich dann überhaupt erst einmal zum Blutabnehmen gehen konnte, musste ich mich an einen Schalter setzen und Fragen beantworten. Anschließend wurde ich in eine weitere Schlange geschickt, und endlich konnte ich Blut los werden. Alle dazu benötigten Utensilien wurden frisch ausgepackt, das beruhigte mich schon einmal ein wenig.

Im Anschluss daran durften wir die Rechnung bezahlen, aber bitte in bar!

Zum vereinbarten Zeitpunkt, an dem die Ergebnisse vorliegen sollten, wollten wir den Arzt anrufen, um festzustellen, dass unser Telefon nicht funktioniert. Also, wieder zur Rezeption. Ich fühlte mich insgesamt besser und diesmal waren sowohl mein Mann als auch ich absolut überzeugt, dass es gleich Entwarnung gibt.
Als ich die Nummer des Arztes wählte, merkte ich trotz allem meinen Pulsschlag.

Ich glaube, ich werde nie seine ersten Worte nach der Begrüßung vergessen: „Die Werte sind leider nicht zu Ihren Gunsten“. Mein Mann muss schon an meiner Köpersprache gemerkt haben, was er sagte.

Ilona:
Puuh - jetzt hat sich meine Pulsrate aber auch drastisch erhöht  :schreck:.

S@bine:
Tag 20 - Teil 2

Windhoek
Übernachtung: Hotel Safari bzw. Hospital


Als nächstes sollten wir Ultraschall machen lassen.

Nach dem Telefonat war mir zum Weinen, aber es flossen keine Tränen. Irgendwie fing ich an, ganz praktisch zu denken, was sind jetzt die nächsten Schritte, was müssen wir jetzt unternehmen, was muss organisiert werden …

Die Managerin war mittlerweile auch an der Rezeption und unterstütze uns noch sehr. Sie machte eine Reservierung im Safari Court Hotel, eine Unterkunft, die recht verkehrsgünstig lag und die wir von unser allerersten Namibia-Reise kannten. Uns war nicht danach, jetzt noch nach einem netten kleinen Guesthouse zu recherchieren. Wir wollten jetzt eigentlich nur noch schnell in die Klinik, um Ultraschall machen zu lassen.

Die Managerin gab uns noch ihre Telefonummer, mit dem Hinweis, wir könnten sie jederzeit anrufen, wenn wir Hilfe benötigen. Man half uns noch mit dem Gepäck, fuhr uns zum Lodgeparkplatz, wo wir in unseren Mietwagen stiegen und mit einem sehr mulmigen Gefühl Richtung Windhoek fuhren. Wir hielten zuerst am Safari Hotel, das direkt am Weg lag und checkten in Windeseile ein. Alles Dinge, die man zuhause in solchen Fällen nicht berücksichtigen/organisieren muss, da fährt man zum Krankenhaus und gut ist’s. Vielleicht hätten wir das auch hier machen sollen, aber ich fühlte mich soweit okay, dass ich diese Reihenfolge vorzog.

In der Klinik angekommen, nachdem wir Deposit hinterlegt hatten, ich den Papierkram erledigt, rief mein Mann schon einmal unsere Reiseauslands-Krankenversicherung an. Zu diesem Zeitpunkt tickten wir beide wie ein Uhrwerk.

Wir wurden dann in einen Raum geführt, wo die Behandlungsbereiche mit Vorhängen abgetrennt waren. Eine Schwester kam und ein Arzt untersuchte mich. Er war sich gleich sicher, dass Herr Appendix übellaunig ist … Ich hingegen, war immer noch der Hoffnung, dass es einen anderen weniger schlimmeren Grund gab, auch wenn diese Hoffnung von Minute zu Minute mehr schwand … der Doc erklärte mir mit ruhiger Stimme, käme ich jetzt auf die Idee, die Klinik zu verlassen oder gar mit dem Gedanken spielen würde, nach Hause zu fliegen, würde ich mit meinem Leben spielen und dieses Spiel würde höchstwahrscheinlich nicht gut ausgehen.

Okay, ich bleibe selbstverständlich in der Klinik – die „Message“ war definitiv bei mir angekommen.
Für meinen Mann gab es schon vorher keine Diskussion. Ich glaube, er war besorgter als ich.

Der Arzt telefonierte mit dem Chirurgen, dieser wies an, den „Ultrasound-Doctor“ in die Klinik zu holen, damit der Ultraschall gemacht wird.

Prima, genau deshalb waren wir ja hier …

Ich kam mir vor wie in einem amerikanischen Film, als ich in einen Rollstuhl gesetzt wurde und einmal quer durch die Klinik zum Ultraschallbereich geschoben wurde – nur leider war ich gerade nicht im Film, das hier war Realität.

In den Raum, in den wir gebracht wurden, standen modernste Geräte - soweit wir das beurteilen können. Das fanden wir sehr beruhigend. Der „Ultrasound-Doctor“ war mittlerweile auch anwesend. Er sagte nicht viel, antwortete auch kaum auf meine Fragen, nur einmal sagte er, als er so ziemlich genau über der Stelle war, wo ich den übellaunigen Genossen vermutete, er leicht das Gerät aufsetzte und ich vor Schmerz zusammenzuckte. „I see the problem“. Danke ja, schön zu hören …

Wir mussten dann noch ein wenig warten, bis er seinen Bericht geschrieben hatte, den er mir im verschlossenen Umschlag in die Hand drückte. Auf der Rückfahrt (ich im Rollstuhl) öffnete ich diesen, die Seite war vollgeschrieben, aber mir beim Lesen klar, was nun folgen würde.

Ich weiß gar nicht mehr, was ich in diesem Moment weiter gedacht habe, aber wundere mich noch heute, dass ich das ganz ruhig meinem Mann sagte. Gott sei Dank, dass er die ganze Zeit an meiner Seite war und dass auch er – zumindest schien es mir so – ganz ruhig blieb.

Damit war aber leider die heutige Odyssee noch nicht vorbei. Uns wurde gesagt, wir müssten die Klinik wechseln, da der Chirurg, der operiert, in einer anderen Klinik seinen Dienst tut. Auch diese Nachricht nahmen wir recht gelassen hin und so fuhren wir noch einmal für nicht zu lange Zeit durch Windhoek zur anderen Klinik.

Nach Ankunft ging das übliche Prozedere los: Aufnahmepapiere ausfüllen und ganz wichtig, Deposit hinterlegen. Zum Glück nahm man auch hier Kreditkarte, soviel Bargeld hätten wir nicht dabei gehabt.

Das Zweibettzimmer, auf das ich gebracht wurde, war absolut in Ordnung. Ein Einzelzimmer gab es leider nicht mehr, überhaupt wurde mir gesagt, dass ich das letzte freie Bett bekommen hätte. Die ganze Klinik machte einen sehr guten Eindruck auf uns.

Meinen Chirurgen empfanden wir beide sofort als äußerst sympathisch, zu dem wir sofort Vertrauen fassten. Er untersuchte mich noch einmal, meinte, der Eingriff hätte Zeit bis morgen früh und verordnete, dass ich über Nacht Infusionen mit Antibiotika bekam. Außerdem beruhigte er mich, als ich ihm sagte, dass ich noch nie eine OP hatte und es ihm zudem nicht entging, dass ich doch ein wenig besorgt war.

Morgen früh als erster Termin käme ich dann ins Theatre … klasse dachte ich nur, ein „Theaterbesuch“ in Windhoek.

Es wurde die erste Nacht einer gemeinsamen Urlaubsreise meines Mannes und mir, die wir getrennt verbrachten, er im Hotel und ich im Krankenhaus mit der unschönen Aussicht auf den morgigen Aufenthalt im Theatre.

Michael:
Oi weh, Sabine!  :(
In so einer Situation ist es sicher sehr viel Wert, wenn man nicht alleine unterwegs ist, sondern einen Partner an seiner Seite hat.

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